Die etwas andere DIAGONALE Sa, 29.03.2025
Eine Reise in die surrealistische Vergangenheit

Bei der diesjährigen DIAGONALE reist der Zuschauer im Sonderprogramm Carte Blanche mit dem Regisseur Nikos Papatakis (1918-2010) im Film The Sheperds of Calamity GR 1967 (Die Hirten der Katastrophe) in eine Filmwelt, die an das Paris der 30er Jahre erinnert, obwohl erst 1967, nach dem griechischen Militärputsch gedreht. Der Film ist ebenso politische Allegorie wie romantische Tragödie. Alles beginnt mit einer explodierenden Ziege und dieses Ereignis bleibt für den Zuschauer unaufgeklärt und auch viel anderes wirkt anhaltend verstörend.

In einem kleinen griechischen Dorf in den Bergen, wo Armut unter den Ziegenhirten herrscht, gibt es auch keine Perspektiven nach einem besseren Leben. Was geschieht, folgt keinen dramaturgischen Konventionen und keinen psychologischen Mustern, sondern archaischen Zwängen und anarchischen Impulsen. Thanos, ein verarmter Schäfer, will nach Australien. Seine Mutter will ihn mit Despina, der Tochter eines vermögenden Landbesitzers verheiraten. Doch Despinas Vater ist dabei, sie mit einer bürgerlicheren Partie zu verkuppeln. So entstehen um das Brautgeschäft, welches zwischen den verschiedenen Eltern ausgehandelt wird, unzählige Intrigen.

Dann begegnen sich Thanos und Despina beim Ostergottesdienst, und die Kalamitäten verdichten sich zur Katastrophe. In einem Korsett einer rückständigen und verrohten, konservativen und patriarchalen Gesellschaft, in der die Landbevölkerung ihrem Elend überlassen ist, führen Thanos und Despina das Element des Chaos und der Freiheit ein.

Die Kamera springt zwischen den Szenen und der Handlungsstrang ist oft nicht nachvollziehbar. Der Zuschauer glaubt sich in einen Film von Bunuel oder Dali versetzt mit einer Kamerasprache die genial jede Szene so zeichnet, dass der Film sogar als Stummfilm hätte verstanden werden können. Die Kamera verfolgt die Protagonisten über steinige Felsen oder zentriert sich auf den Popen der Osterfeier. Fokussiert genauestens auf die Gesichter im Zentrum des Bildes. Eine Kamerasprache angelehnt an Bunuel oder Dali. Harte, klare Linien prägen das Bild zwischen karstigen Kalksteinfelsen und markanten Gesichtern von Schatten überzogen. Kamerasprünge, denen der Zuschauer oft nicht ganz folgen kann, prägen das ganze Geschehen, was aber der Spannung keinen Abbruch tut. Obwohl der Handlungsstrang in der ersten Hälfte etwas holprig läuft, schafft es Papatakis zum Ende hin einen sich immer mehr steigernden Spanungsbogen aufzubauen, welcher in Verfolgungsjagt und Hysterie eskaliert, bis das junge ungleiche Paar, der arme Ziegenhirte Thanos und die reiche Tochter Despina gemeinsam in den Tod springen. Mit wehendem Brautschleier und Ziegen – Chagall lässt grüßen.

Alles in allem ein Film, den Liebhaber des surrealistischen Films, in Schwarzweiß gedreht, mit einer heute unkonventionellen Kamerasprache, nicht versäumen sollten.

©: Tsangari_D25